Western: Kritik - K50 Website 2019

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Western: Kritik

Filmbeschreibungen

In Howard Hawks’ Western-Klassiker „El Dorado“ (1966) spielte John Wayne den alternden Revolverhelden Cole Thornton, der als eine Art Wanderarbeiter durch die Lande zieht und sich als „Troubleshooter“ anheuern lässt. Dabei ist er so souverän, einen Auftrag, der ihm moralisch nicht behagt, auch schon mal abzulehnen; dann zieht er weiter zur nächsten „Baustelle“ und zum nächsten Kräftemessen mit raffgierigen Großgrundbesitzern oder schießwütigen Gaunern – ein Profi, unabhängig, ohne festen Wohnsitz. In Valeska Grisebachs „Western“ zieht es den ostdeutschen Meinhard auf eine Auslandsbaustelle in der bulgarischen Provinz, „auf Montage“, wie es heißt. Als Mitglied eines kleinen Trupps von Bauarbeitern bereitet der auf die 50 zugehende, wortkarge Einzelgänger in einem idyllischen Flusstal den Bau eines Wasserkraftwerks mit vor – ein Knochenjob in sommerlicher Hitze, inmitten einer unerschlossenen archaischen Naturlandschaft aus mächtigen Wäldern, hohen Bergen und tiefen Tälern. Gelegentlich trägt Meinhard eine Art Cowboy-Hut, mitunter kniet er auf einem hoch gelegenen Felsen und schaut in die Weite, und als er auf ein frei umherziehendes Pferd trifft, schwingt er sich auf dessen Rücken und reitet ins nächste Dorf. Ein Fremder, unabhängig, ohne festen Wohnsitz, und doch getrieben von der tiefen Sehnsucht, endlich einmal irgendwo anzukommen.

Bereits in ihrem Film „Sehnsucht“ (2006, (fd 37 773)) spiegelte Valeska Grisebach bewundernswert sensibel das Seelenleben ihrer Protagonisten in der Landschaft, um deren versteckte Wünsche, aber auch deren seelische Nöte transparent zu machen. In „Western“ arbeitet sie nun erneut mit vielsagenden, karg-romantischen Landschaftsbildern, wobei sie sich frappant schlüssig und vielschichtig der Motive und Mythen klassischer Western-Filme bedient, um auf die durch und durch gegenwärtigen Befindlichkeiten ihrer Protagonisten einzugehen. Meinhard, der schweigsame Fremde aus dem fernen Deutschland, der zuvor bereits als Legionär und Soldat im Auslandseinsatz war, wird vom Laiendarsteller Meinhard Neumann gespielt, wie Grisebach grundsätzlich auf die „rustikale“ Authentizität nicht-professioneller Schauspieler setzt. So reiben sich ihre ausgiebigen Western-Chiffren reizvoll an der neorealistischen Grundhaltung der geduldig und betont langsam entwickelten Erzählung. Indem sich Meinhard immer mehr von seinen Arbeitskollegen absondert und die Nähe zu den Dorfbewohnern sucht, entwickeln sich zunehmend Konflikte zwischen den Deutschen und den Bulgaren. Meinhard gerät zwischen die Fronten der Eindringlinge und „Eroberer“ auf der einen Seite und den sich überwiegend höflich und gastfreundlich gebenden, ab einem bestimmten Punkt dann aber doch auch sehr verschlossenen Dorfbewohnern auf der anderen. Dabei geht es immer deutlicher um Macht- und Besitzansprüche angesichts knapper Wasservorräte, ebenso um Allianzen und Zweckgemeinschaften viriler Männer in Zeiten allgemeiner ökonomischer Nöte, schließlich aber auch um das kompliziert-komplexe Verhältnis von Männern und Frauen, um Nähe und Begehren, um erzwungene Distanz und das Scheitern von (Fern-)Beziehungen.

Auf der Grundlage ihrer eindrücklichen poetischen Naturbetrachtungen verschiebt Valeska Grisebach immer wieder betont unspektakulär, leise und quasi subkutan die Fronten zwischen den handelnden Menschen. Die Zusammenhänge ihrer oft schwierigen, gelegentlich kläglich misslingenden, im nächsten Moment dann aber auch wieder erstaunlich gut funktionierenden Kommunikation muss sich der Zuschauer oft eigeninitiativ erschließen, indem er selbst zum mitagierenden und auch mitfühlenden Protagonisten wird. Meistens weiß er dabei mehr als die Personen, die sich in ihrer jeweils fremden Sprache rat- und verständnislos gegenüberstehen und gelegentlich in provozierende Droh- oder Abwehrgebärden verfallen; der Zuschauer aber versteht dank der deutsch untertitelten bulgarischen Passagen zumindest sprachlich beide Seiten, woraus ihm aber nicht unbedingt ein sicherer Vorteil erwächst. Im Gegenteil: Indem er quasi über der rohen Körperlichkeit der Geschehnisse „thront“, lädt sich in seinem Innern eine ständig intensiver werdende (An-)Spannung auf, entsteht aus den ständigen Reibungen eine eigendynamische Energie, die den Film bei all seiner visuellen Klarheit und Einfachheit extrem komplex und vielschichtig macht. Vor allem der introvertierte und nur wenig wortgewandte Meinhard öffnet sich so zunehmend und gibt sein Innenleben preis, sodass man mit jedem seiner Hemdenwechsel und jeder Autofahrt ins Ungewisse immer stärker mit ihm fühlt und schließlich um ihn, seine Gesundheit und sein Seelenheil fürchtet.

Am Ende von Howard Hawks’ „El Dorado“ wird der Revolverheld Cole Thornton sesshaft. In der vom Verbrechen befreiten Stadt warten auf ihn ein befriedetes soziales Umfeld, gute Freunde und eine schöne Frau, die schon lange still und wacker auf ihn gewartet hat. Dies alles bleibt Meinhard am Ende von »Western« auf tief tragische Weise verwehrt. Er bleibt trotz seiner Bemühungen fremd in der Fremde, einer, der nicht ankommt, weder bei seinen eigenen Landsleuten noch bei den bulgarischen Dorfbewohnern, deren Kultur und Stehauf-Mentalität er eigentlich doch so sehr zu schätzen gelernt hat. Mitten in der auf den ersten Blick ausgelassen anmutenden, finalen Tanzszene beim Dorffest hebt er die Arme und tanzt allein, isoliert und ernüchtert angesichts der Grenzen zum Wirklichen, die er nicht hat überschreiten können.
Horst Peter Koll, filmdienst  
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